La Paiva, die Kurtisane – Gräfin Henckel von Donnersmarck 
 

Eine Traumkarriere 
„Alle meine Wünsche sind mir in Erfüllung gegangen!“ rief die vom Erfolg berauschte, im materiellen Sinne erfolgreichste Pariser Kurtisane, La Paiva, aus. Ihre prachtvollen Empfänge riefen den Neid so manch ehrbarer, adeliger Dame hervor und animierten bekannte Musiker und Journalisten, Schriftsteller und Maler ihrer Einladung zu folgen. Ihre unvorstellbare Karriere beendete die 1819 im Moskauer Ghetto geborene und unter bescheidenen Verhältnissen aufgewachsene Webertochter Thérèse Lachmann als vermögende Gräfin Henckel von Donnersmarck. Nach drei Ehen hatte sie den Gipfel ihrer Wünsche erreicht. So spektakulär, wie ihr gesellschaftlicher Aufstieg, gestaltete sich auch ihr Lebensende. 

 

Die Kurtisanen 
Eine Kurtisane ist weniger als eine Geliebte und mehr als ein Freudenmädchen. Ihr Beruf ist die Liebe und sie wählt ihre Kundschaft, die mehr oder weniger vornehm und vermögend ist, selbst aus. Im Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts wurden die Damen der demi-monde – Halbwelt -, wie Alexandre Dumas sie nannte, sehr geschätzt und betrieben ein damals höchst angesehenes Gewerbe. Ihr Goldenes Zeitalter begann, als Napoleon 1815 gestürzt wurde, die Zeit der Kriege endlich vorbeigegangen war. Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst erblühten. Reichtum war nicht mehr nur ein Privileg der Oberschicht, die industrielle Revolution brachte große Vermögen und unzählige Spekulanten hervor. Luxus war ein bedeutendes Mittel, Macht zu zeigen. Also versuchten auch Frauen, ihr Glück zu machen, „Gold-„ und „Diamantenminen“ auszuschöpfen. Doch nicht nur Französinnen betrieben das älteste Gewerbe der Welt, die „Goldgräberinnern“ kamen aus vielen Ländern Europas. 

Ihren Ruf begründeten die Kurtisanen meist durch ihre Schönheit. Blieb ihnen diese wertvolle Gabe der Natur versagt, glichen Intelligenz und Charakterstärke dieses Manko aus. Nach einem unvergleichlichen, raschen Aufstieg, einem Leben in  unvorstellbarem Luxus starben manche allein und verlassen, wie Cora Pearl und Alphonsine Duplessis - die berühmte Kameliendame -, andere als geachtete Bürgerinnen, wie Alice Ozy, und einige in grandioser Pracht, wie Therese Gräfin  Henckel von Donnersmarck. Doch alle besaßen einmal ein herrschaftliches Stadtpalais in Paris und ein Chateau auf dem Lande, rassige Pferde und auffallende Wagen, Juwelen und prächtige Kleider sowie Einfluss auf große Persönlichkeiten ihrer Zeit. Sie wurden in den Logen der großen Theater, auf der Rennbahn, in mondänen Badeorten wie Baden-Baden, in London und Sankt Petersburg gesehen. 

Die Kurtisanin

Die Pariser Kurtisanen lebten außerhalb der „ehrbaren“, reichen Gesellschaft. Sie bildeten eine eigene Klasse, eine Schwesternschaft, die sich gegenseitig unterstützte. Ihr Erscheinen war allein ein soziales Phänomen der zerstreuungssüchtigen Pariser Männergesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts, ein Phänomen, dass weder vorher noch nachher eine solche Bedeutung erlangte. 1870, mit dem Ende des Kaiserreiches und der Französischen Revolution mit ihren republikanischen Ideen, zeichnete sich der Untergang der grandes cocottes - der Halbweltdamen - schon ab. Der erste Weltkrieg beendete die Ära der Kurtisanen vollends. 

 

La Paiva - Therese Lachmann, spätere Madame Villoing, spätere Madame La Marquise de Paiva, spätere Gräfin Henckel von Donnersmarck 
Thérèse Lachmann erreichte finanziell gesehen die oberste Sprosse der Karriereleiter als Kurtisane. Nach ihrer Geburt als Webertochter im Jüdischen Ghetto Moskaus des Jahres 1819 hätte sie eigentlich ein Leben in bescheidenen Verhältnissen zu erwarten gehabt. Ihr Vater verheiratete die Siebzehnjährige mit dem jungen, schwindsüchtigen Schneider Antoine Villoing. Thérèse wurde von ihren Eltern unabhängig und gebar einen Sohn. Die junge Frau wollte sich nicht mit dem Leben als Schneidersfrau abfinden. Sie verließ Mann und Sohn nach zwei Jahren Ehe, reiste nach Paris und ließ sich im Slumviertel Eglise Saint-Paul nieder. 

Nach drei Jahren besaß die wenig gebildete Madame Villoing endlich die Garderobe, um sich einen reichen Galan zu suchen. Sie war keine Schönheit, sondern sah mit schwarzem Haar und leicht vorquellenden Augen, mongolischer Nase und einem energischen Mund eher exotisch aus. Bad Ems war einer der Kurorte, in dem die große Welt verkehrte und sich in den Spielsälen die Zeit vertrieb. Dort verliebte sich Henri Herz, ein reicher und berühmter Konzertpianist in seine vermeintliche Schülerin und machte sie zu seiner Geliebten. Als Monsieur und Madame Herz kehrten beide von einer Englandreise zurück, doch der französische Hof wollte die offenbar illegale Verbindung nicht anerkennen. Ein Leben in der ersten Gesellschaft Frankreich konnte ihr Henri nicht bieten. Aber viele bekannte Musiker, Journalisten und Literaten besuchten ihren Salon: Richard Wagner, Hans von Bülow, Théophile Gautier. Ihre kostbaren Kleider, der teure Schmuck, ihr glanzvolles Leben ließen die Schulden anwachsen. Als Herz eine Konzertreise in Amerika machte, schmiss die Familie Herz Madame kurzerhand hinaus. 

Es folgten Jahre der Entbehrungen. Eine Freundin aus guten Tagen machte Thérèse mit einer Modistin bekannt, die sie mit neuer, großer Garderobe ausstatte und nach London schickte. Der Coup gelang. Lord Stanley wurde ihr Geliebter und Gönner. In Baden-Baden traf die nach einem Ehemann mit Titel suchende Kurtisane, denn Ehemann Nummer 1 war inzwischen gestorben, auf den vermögenden portugiesischen Marquis Albino-Francesco de Paiva-Araujo. Kurz nach der Heirat zog sich Ehemann Nummer 2 nach wenigen Monaten frustriert auf sein portugiesisches Schloß zurück, denn die Paiva dachte gar nicht daran, ihr bisheriges Leben nur einen Deut zu ändern. Er erschoss sich 1872. 

La Paiva wollte ganz nach Oben. Der preußische Graf Guido Henckel von Donnersmarck - späterer Fürst und Freund des deutschen Kaisers - elf Jahre jünger und unermeßlich reich, half der ehrgeizigen Marquise. Ein prunkvolles Leben im elegantesten, luxuriösesten Haus an der Champs Elysée lag vor ihr. Doch die feine französische Gesellschaft schritt nie über die Schwelle ihres Hauses, die Neureichen waren nicht gesellschaftsfähig. Ein französischer Zeitgenosse, Emile Bergerat, sah in der Paiva das Urbild der Kurtisane, die einzig um des Geldes Willen Kurtisane ist und die sich einzig in das Geld verliebt. Gästen gegenüber gab sie sich verschwenderisch, ansonsten überwog der Geiz. In Geldgeschäften hatte sie eine einzigartige Begabung. Ihre Unterhaltungen mit ihren Gästen, Bankiers und Wirtschaftlern, setzte sie in Geld um und half ihrem Geliebten bei der Verwaltung des Vermögens. 

1871, nach dem Ende des deutsch-französischen Krieges, wurde ihre Ehe mit dem Marquis annulliert. Der Heirat mit Guido Henckel von Donnersmarck, dem Beauftragten Bismarcks bei den Verhandlungen über die Friedensbedingungen, in Paris stand nichts mehr im Wege. Als Hochzeitsgeschenk konnte sich die Zweiundfünfzigjährige das Halsband der französischen Exkaiserin um den Hals legen, es galt als das schönste Schmuckstück seiner Zeit. Die eindeutige freundschaftliche Haltung zum deutschen Kaiserreich vor und während des Krieges, ließ die französischen Freunde weniger werden. Die großen, prunkvollen Salons gehörten der Vergangenheit an. Der Versuch des Grafen, sich im jetzt deutschen Lothringen in den Deutschen Reichstag wählen zu lassen, scheiterte kläglich. 1878 verließ das Ehepaar auf Wunsch der französischen Regierung das Land und residierte fortan in Schloß Neudeck in Schlesien. 

Fünfundsechzig Jahre alt wurde Thérèse Henckel von Donnersmarck. Mit ihrem ganzen Willen hatte sie sich gegen eine Herzkrankheit gewehrt und verloren. Doch viele Jahre gab es kein Grab in der Familiengruft. So spektakulär wie ihr Leben, gestaltete sich auch ihr Ende: Die zweite Gräfin Henckel von Donnersmarck, reich, hochgeboren, schön und jung, öffnete ein Zimmer, dass immer sorgfältig verschlossen gewesen war. Dort entdeckte sie den Leichnam Thérèses, in einem Behälter mit Alkohol schwebend. Guido hatte sich nicht von ihr trennen können. Die Kurtisane war die letzte der Henckel von Donnersmarck, die in der Familiengruft begraben wurde.