|
Leseprobe
Während
dieser kurzweiligen Unterhaltung war es später Nachmittag
geworden, und wie immer, wenn Landfall bevorstand, steigerte sich
die Spannung. Häufiger als sonst nahmen wir das Fernglas zur Hand
und suchten den Horizont ab. Schemenhaft tauchten im Dunst höhere
Berge auf. Mit sechs bis sieben Knoten Fahrt rauschten wir in der
Abendbrise auf die Küste Englands zu. Bernd saß an seiner Karte
und prüfte noch einmal die Stromberechnungen und war sich seiner
Sache absolut sicher: "Wir werden eine Punkt-, ich sage eine
Punktansteuerung erleben! Dartmouth liegt genau voraus, darauf
nehme ich schon jetzt einen zur Brust!"
Als
er mit Riesenschritten den Küchengang durchmaß, um zur Bar zu
kommen, vergaß er den für seine "Größe" zu niedrigen
Querbalken und veränderte wieder einmal nachhaltig unter großem
Jammergeschrei seine Kopfform.

Foto:
© Jutta Ohligschläger |
|
"Wenn
er jetzt stirbt", sagte Pierre, "erlebt er seine
Punktansteuerung nicht mehr!" Statt einem nahm Bernd zwei zur
Brust, hüllte seinen lädierten Charakterkopf in die neue Pudelmütze
und hielt weiterhin angestrengt Ausschau nach einem Anzeichen von
Dartmouth, um sich seiner Punktansteuerung zu vergewissern.
"Da", schrie er begeistert, "genau voraus ist das
'Dreibein' von Dartmouth, wie ich es gesagt habe!" Doch dann
kamen ihm wieder Zweifel, und der lange Bernd sackte sichtlich in
sich zusammen. "Ich kann es einfach nicht glauben",
murmelte er vor sich hin, "so genau kann doch meine
Navigation gar nicht sein, dass wir ohne Kursänderung auf unser
Ziel treffen!"
Der Skipper konnte es sich wieder einmal nicht verkneifen, ihm
einen oft zitierten, und deshalb auch nicht mehr ganz neuen Rat zu
geben: "Lass uns doch einfach hinfahren und fragen, wo wir
sind ..."
Heute
ist das mit der Navigation auf den meisten Schiffen überhaupt
kein Problem mehr: Du fragst einfach alle Stunde mal beim Herrn
Satelliten an und bekommst deinen genauen Ort. Wir haben damals
auf Fahrt wenigstens jede Stunde gegisst und eventuell je nach
Fahrtengebiet nach dem Stromatlas den Standort berichtigt und den
neuen Kurs festgelegt. Das war eine reine Fleißarbeit, und wenn
auch jedesmal vor dem Landfall die großen Zweifel aufkamen, so
zeigt doch das Ergebnis, dass man mit dieser Methode ohne
aufwendige Elektronik auskommt.
Wir erlebten noch drei herrliche Wochen an der Südküste Englands
und hatten großes Glück mit dem Wetter. Es kann ja dort durchaus
vorkommen, dass man eine ganze Reise lang den zwar teintverjüngenden,
aber unangenehmen Nieselregen erleben kann, oder Starkwind mit dem
dazu gehörenden harten, hohen Seegang, und an den Caps die nicht
ungefährlichen Races.
London
empfing uns, wie wohl alle Großstädte dieser Welt, mit Schmutz,
Gestank und Lärm. Doch erst einmal dem Gewimmel des Bahnhofs
entronnen, waren wir bald begeistert. Wie echte Touristen stöberten
wir durch das berühmte Warenhaus Harrods, und ich bedauerte,
nicht wie Prinzessin Diana mal eben sechs Abend-
kleider, die dazugehörenden, sündhaft teuren Täschchen und
Schuhe, Hüte, Wäsche und so weiter kaufen zu können, um dann an
der Kasse schlicht und einfach zu sagen: "Mein Mann bezahlt
es!"
Bei der Besichtigung der Kronjuwelen im Tower wurden dagegen bei
mir keine speziellen Wünsche wach. Ich konnte Peter beruhigen,
dass ich solche Riesenklunker niemals würde haben wollen. Wann
sollte ich die schon tragen, so zwischen Kochtopf und Brücken-
deck! Aber da wir schon mal beim Thema waren, machte ich ihm klar,
dass mir so ein klitzekleiner Einkaräter sicherlich auch zu Jeans
stehen würde.
Die Wachablösung vor dem königlichen Palast verpassten wir. Dafür
kamen wir pünktlich zu Mister Foulkes, dem Schiffsausrüster, wo
wir eine Menge kleiner Kostbarkeiten einkauften, für das Schiff
versteht sich. "Watt mutt, dat mutt!", sagte der
Skipper, und damit waren die Themen "Abendkleid" und
"Einkaräter" auch schon wieder für die nächste Zeit
erledigt.
(©
2001 DaKaeLag/Edition Seemeile)
|