Wo geht's hier bitte zum Paradies

Autorin: Christa Tauern
25 farbige Cartoons von Jutta Ohligschläger

 


Leseprobe

Während dieser kurzweiligen Unterhaltung war es später Nachmittag geworden, und wie immer, wenn Landfall bevorstand, steigerte sich die Spannung. Häufiger als sonst nahmen wir das Fernglas zur Hand und suchten den Horizont ab. Schemenhaft tauchten im Dunst höhere Berge auf. Mit sechs bis sieben Knoten Fahrt rauschten wir in der Abendbrise auf die Küste Englands zu. Bernd saß an seiner Karte und prüfte noch einmal die Stromberechnungen und war sich seiner Sache absolut sicher: "Wir werden eine Punkt-, ich sage eine Punktansteuerung erleben! Dartmouth liegt genau voraus, darauf nehme ich schon jetzt einen zur Brust!"

 Als er mit Riesenschritten den Küchengang durchmaß, um zur Bar zu kommen, vergaß er den für seine "Größe" zu niedrigen Querbalken und veränderte wieder einmal nachhaltig unter großem Jammergeschrei seine Kopfform.

Foto: © Jutta Ohligschläger

"Wenn er jetzt stirbt", sagte Pierre, "erlebt er seine Punktansteuerung nicht mehr!" Statt einem nahm Bernd zwei zur Brust, hüllte seinen lädierten Charakterkopf in die neue Pudelmütze und hielt weiterhin angestrengt Ausschau nach einem Anzeichen von Dartmouth, um sich seiner Punktansteuerung zu vergewissern. "Da", schrie er begeistert, "genau voraus ist das 'Dreibein' von Dartmouth, wie ich es gesagt habe!" Doch dann kamen ihm wieder Zweifel, und der lange Bernd sackte sichtlich in sich zusammen. "Ich kann es einfach nicht glauben", murmelte er vor sich hin, "so genau kann doch meine Navigation gar nicht sein, dass wir ohne Kursänderung auf unser Ziel treffen!"
Der Skipper konnte es sich wieder einmal nicht verkneifen, ihm einen oft zitierten, und deshalb auch nicht mehr ganz neuen Rat zu geben: "Lass uns doch einfach hinfahren und fragen, wo wir sind ..."

Heute ist das mit der Navigation auf den meisten Schiffen überhaupt kein Problem mehr: Du fragst einfach alle Stunde mal beim Herrn Satelliten an und bekommst deinen genauen Ort. Wir haben damals auf Fahrt wenigstens jede Stunde gegisst und eventuell je nach Fahrtengebiet nach dem Stromatlas den Standort berichtigt und den neuen Kurs festgelegt. Das war eine reine Fleißarbeit, und wenn auch jedesmal vor dem Landfall die großen Zweifel aufkamen, so zeigt doch das Ergebnis, dass man mit dieser Methode ohne aufwendige Elektronik auskommt.
Wir erlebten noch drei herrliche Wochen an der Südküste Englands und hatten großes Glück mit dem Wetter. Es kann ja dort durchaus vorkommen, dass man eine ganze Reise lang den zwar teintverjüngenden, aber unangenehmen Nieselregen erleben kann, oder Starkwind mit dem dazu gehörenden harten, hohen Seegang, und an den Caps die nicht ungefährlichen Races.

London empfing uns, wie wohl alle Großstädte dieser Welt, mit Schmutz, Gestank und Lärm. Doch erst einmal dem Gewimmel des Bahnhofs entronnen, waren wir bald begeistert. Wie echte Touristen stöberten wir durch das berühmte Warenhaus Harrods, und ich bedauerte, nicht wie Prinzessin Diana mal eben sechs Abend-
kleider, die dazugehörenden, sündhaft teuren Täschchen und Schuhe, Hüte, Wäsche und so weiter kaufen zu können, um dann an der Kasse schlicht und einfach zu sagen: "Mein Mann bezahlt es!"
Bei der Besichtigung der Kronjuwelen im Tower wurden dagegen bei mir keine speziellen Wünsche wach. Ich konnte Peter beruhigen, dass ich solche Riesenklunker niemals würde haben wollen. Wann sollte ich die schon tragen, so zwischen Kochtopf und Brücken-
deck! Aber da wir schon mal beim Thema waren, machte ich ihm klar, dass mir so ein klitzekleiner Einkaräter sicherlich auch zu Jeans stehen würde.
Die Wachablösung vor dem königlichen Palast verpassten wir. Dafür kamen wir pünktlich zu Mister Foulkes, dem Schiffsausrüster, wo wir eine Menge kleiner Kostbarkeiten einkauften, für das Schiff versteht sich. "Watt mutt, dat mutt!", sagte der Skipper, und damit waren die Themen "Abendkleid" und "Einkaräter" auch schon wieder für die nächste Zeit erledigt.

(© 2001 DaKaeLag/Edition Seemeile)